Immer wieder der gleiche Streit: Woher eure Muster kommen
Jana Ganzert5 Min. Lesezeit
Wenn ihr immer wieder über dasselbe streitet, geht es selten um das Thema. Die Spülmaschine, das Handy am Esstisch, die Schwiegermutter: Das sind nur die Anlässe. Was sich wiederholt, sind zwei Muster, die aufeinandertreffen. Jeder von euch bringt Antworten mit, die er gelernt hat, lange bevor ihr euch kanntet. Diese Antworten springen an, bevor ihr nachdenken könnt. Deshalb kennt ihr jeden Satz, der kommt, und sagt ihn trotzdem.
Die Geschichte mit dem Hammer
Paul Watzlawick hat in seinem Buch Anleitung zum Unglücklichsein eine kleine Geschichte erzählt, hier frei nacherzählt.
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Er hat den Nagel, aber keinen Hammer. Der Nachbar hat einen. Also will er hinübergehen und ihn ausleihen. Doch dann kommen ihm Zweifel. Was, wenn der Nachbar ihn nicht leihen will? Gestern hat er ihn nur flüchtig gegrüßt. Vielleicht war er in Eile, vielleicht hat er etwas gegen ihn. Und überhaupt: Wenn jemand ihn um einen Hammer bitten würde, er würde ihn sofort hergeben. Wie kann man einem Menschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Der Mann steigert sich hinein, läuft hinüber, klingelt, und noch bevor der Nachbar etwas sagen kann, schreit er ihn an: Behalten Sie Ihren Hammer!
Die Geschichte berührt uns, weil wir uns darin wiedererkennen. Der Streit hat stattgefunden, bevor der andere ein Wort gesagt hat. Er hat im Kopf des Mannes stattgefunden, mit einem Nachbarn, den es so gar nicht gibt. Genau das passiert in vielen Paarstreits: Ihr reagiert nicht nur auf das, was der andere sagt, sondern auf das, was ihr seit Langem erwartet.
Was ein Beziehungsmuster ist
Ein Muster ist eine früh gelernte Antwort auf eine Frage, die sich jedes Kind stellt: Wie bekomme ich Zuwendung? Wie schütze ich mich, wenn es unsicher wird? Wie setze ich mich durch, ohne die anderen zu verlieren? Ein Kind, das nur Aufmerksamkeit bekam, wenn es funktionierte, lernt anderes als ein Kind, dessen Eltern laut wurden, wenn sie überfordert waren.
Diese Antworten waren damals klug. Sie haben geholfen, in der eigenen Familie zurechtzukommen. Das Problem ist nur: Sie laufen weiter, auch wenn man längst erwachsen ist und einem Partner gegenübersitzt, der nicht die eigene Mutter oder der eigene Vater ist. Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, sprach vom Lebensstil, der sich in den ersten Lebensjahren herausbildet. Er hat dabei auch auf die Stellung unter den Geschwistern geschaut: Wer als Älteste früh Verantwortung übernommen hat, wer als Jüngster immer den Größeren hinterherlaufen wollte, bringt diese Erfahrung mit in die Partnerschaft. Das ist keine Schablone, jeder Mensch macht aus seiner Lage etwas Eigenes. Aber es lohnt sich, hinzuschauen.
Nicht warum, sondern wozu
Im Streit fragen sich Paare meistens: Warum macht er das immer? Warum reagiert sie so? Die Frage nach dem Warum sucht meist einen Schuldigen. Alfred Adler hat eine andere Frage gestellt: Wozu? Welches Ziel verfolgt ein Verhalten, auch wenn uns dieses Ziel gar nicht bewusst ist?
Ein konstruiertes Beispiel, kein echter Fall: Sie sagt, wieder einmal, dass die Spülmaschine nicht ausgeräumt ist. Er sagt, er mache das gleich, und fragt, warum sie immer so einen Ton haben müsse. Fragt man nach dem Warum, landet man schnell bei Schuld. Fragt man nach dem Wozu, wird es interessanter. Ihre Kritik dient vielleicht dazu, gesehen zu werden: Ich trage das hier allein, merkt das jemand? Sein Rückzug dient vielleicht dazu, sich vor dem Gefühl zu schützen, schon wieder nicht gut genug zu sein. Beide reagieren sinnvoll, nur auf etwas, das gar nicht im Raum ist.
Wo zwei Muster kollidieren
In meiner Arbeit schaue ich auf die Stelle, an der es kracht: den Moment, in dem das Muster des einen das Muster des anderen auslöst. Euer Streitthema wechselt, die Stelle bleibt meistens dieselbe.
Häufig läuft es in einem Kreis: Der eine drängt, weil er Nähe oder eine Antwort braucht. Der andere zieht sich zurück, weil das Drängen sich wie ein Angriff anfühlt. Je mehr der eine drängt, desto mehr zieht sich der andere zurück, und je mehr er sich zurückzieht, desto mehr drängt der eine. In der Paarforschung ist dieses Muster als Forderungs-Rückzugs-Muster beschrieben. Keiner von beiden ist der Täter. Beide halten den Kreis am Laufen.
Was ihr selbst ausprobieren könnt
Ein Muster löst sich nicht durch einen guten Vorsatz. Aber ihr könnt anfangen, es zu sehen:
- Achtet auf den Moment, in dem es kippt. Oft ist es ein bestimmter Satz, ein Tonfall, ein Blick. Dieser Moment ist wichtiger als das Thema.
- Sucht den Satz unter dem Satz. Was wolltet ihr jeweils eigentlich sagen, als es um die Spülmaschine ging?
- Fragt euch gegenseitig wozu statt warum. Nicht als Verhör, sondern aus Neugier.
- Vereinbart eine Pause, die kein Rückzug ist: Ich brauche zwanzig Minuten, dann reden wir weiter. Und dann redet ihr weiter.
Wenn euch das gelingt, ist das viel. Wenn nicht, ist das kein Versagen. Muster sind alt, und sie sind schnell.
Wann es sich lohnt, jemanden dazuzuholen
Wenn ihr euer Muster schon kennt und trotzdem immer wieder darin landet, wenn die Verletzungen tiefer werden oder wenn eure Kinder den Streit mitbekommen, ist das ein guter Zeitpunkt für Unterstützung von außen. Ich habe viele Jahre im Jugendamt, in der Erziehungsberatung und als Gutachterin am Familiengericht gearbeitet. Dort habe ich gesehen, wie viel Kinder von dem mitbekommen, was zwischen ihren Eltern passiert.
In meiner Arbeit geht es genau um diese Muster: nicht um euren Streit, sondern um die zwei Muster, die ihn hervorbringen. Wie das praktisch abläuft, steht im Beitrag Paartherapie online. Und falls einer von euch nicht mitkommen will: Paartherapie allein ist auch ein Anfang.
Quellen
- Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. München: Piper, 1983 (Die Geschichte mit dem Hammer)
- NZZ: Konflikte in Beziehungen: Der Feind ist das Streitmuster, nicht der Partner, abgerufen am 04.10.2026